Follower

Freitag, 30. Oktober 2026

Tilla


 


Die Meerjungfrau, die keine war

Als das erste Sonnenlicht seine zackigen Strahlen auf die kleine Lichtung warf, wachte Tilla auf. Wo waren die anderen Elefanten? Wo Mama Asta? Doch dann fiel es ihr wieder ein. Sie war ja gar nicht mehr im Dschungel. Sie war auf dieser hübschen Lichtung gelandet, bei Milan, dem bunten Hirsch mit dem goldenen Gürtel. Und sie wollte zu den weisen Meerjungfrauen, zusammen mit Milan.

Tilla stupste den noch schlafenden Milan mit ihrem Rüssel an. „Wach auf, wach auf, Milan!“, rief sie aufgeregt. Milan blinzelte und gähnte ausgiebig. „Na, du Krawalltüte, was ist das für ein Lärm am frühen Morgen?“, brummelte er etwas missmutig. „Du musst aufstehen, jetzt!“, wurde Tilla ungeduldig. „Wieso? Brennt es? Ich rieche nichts.“ Milan erhob sich behäbig. Tilla platzte bald vor lauter Nervosität. „Nein, das nicht, aber wir wollten doch ans Meer zu den weisen Meerjungfrauen.“ „Ja, ja, gemach, gemach. Die laufen beziehungsweise schwimmen uns schon nicht weg. Erstmal wird gefrühstückt und dann marschieren wir los“, erwiderte Milan bestimmt.

Gesagt, getan. Endlich ging es los und Milan und Tilla machten sich auf den Weg zu den weisen Meerjungfrauen. Gegen Mittag, die Sonne stand schon hoch am strahlenblauen Himmel, erstreckte sich vor ihnen der unendliche Ozean. Die Wellen plätscherten sanft vor sich hin und säuselten ein leises Lied. Tilla kam aus dem Staunen kaum heraus. „Wow, wie schön!“, flüsterte sie.

Plötzlich trompetete sie los: „Hallo? Jemand zu Hause? Hallo, ihr Meerjungfrauen, wo seid ihr?“ Milan machte vor Schreck einen Satz nach hinten. „Meine Güte, Tilla, nicht so laut. Du benimmst dich ja wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.“ Tilla erwiderte etwas pikiert: „Ich bin nun mal ein Elefant.“

Da tauchte auf einmal aus den Wellen ein seltsames Wesen auf: ein blauer Kopf, ein länglicher Körper mit orangen Schuppen, umgeben von grünlichen Schlingpflanzen, und eine blaue Schwanzflosse. Tilla starrte das Wesen verdutzt an. Milan schaute ebenfalls irritiert.

„Hallo, ihr zwei! Gestatten, ich bin Kunigunde. Was kann ich für euch tun?“, fragte sie freundlich. „Äh, nun, na ja, ich weiß nicht“, stammelte Tilla. „Eigentlich sind wir hier, um den weisen Meerjungfrauen eine Frage zu stellen. Tut uns leid, wenn wir dich gestört haben.“ „So, so“, Kunigunde lächelte amüsiert. „Die Meerjungfrauen sucht ihr. Zunächst stellt man sich erst mal vor, bevor man seine Fragen stellt“, schob sie hinterher. „Oh ja, natürlich“, entgegnete Tilla zerknirscht. „Also, ich bin Tilla und das ist Milan.“ „Ja, und ich bin die, die ihr sucht.“ Kunigunde neigte vornehm ihren Kopf. „Du bist eine Meerjungfrau?“, rutschte es Tilla raus. „Du siehst ja gar nicht aus wie eine.“ Milan verdrehte die Augen. „Mensch, Tilla“, murmelte er.

Kunigunde hob ihre Seitenflosse. „Aha, interessant. Aber ich bin nun mal eine Meerjungfrau. Wir können nämlich in vielerlei Gestalt daherkommen“, sagte sie ruhig. „Und du, du siehst ja auch nicht aus wie ein klassischer Elefant und Milan nicht wie ein ganz gewöhnlicher Hirsch. Und doch seid ihr ein Elefant und ein Hirsch.“ „Ja, du hast recht. Entschuldige bitte“, murmelte Tilla kleinlaut. „Eigentlich bin ich genau deshalb hier, weil ich anders bin als die anderen Elefanten. Ich würde zu gerne wissen, warum das so ist und warum ich oft abgelehnt werde.“ „Ich auch“, schob Milan schnell hinterher.

Kunigunde schaute beide lange an. Dann holte sie tief Luft und fing an zu reden: „Also, Tilla und Milan, das ist im Grunde gar nicht so schwierig. Du, Tilla, hast dir die Antwort fast schon selber gegeben. Wenn jemand anders aussieht als wir oder als das, was wir uns vorgestellt haben, reagieren wir erst mal erstaunt, sogar oft ablehnend. Elefanten sind grau, Hirsche braun und Meerjungfrauen sind halb Mensch, halb Fisch. Basta. Doch so einfach ist es nicht. Unser Schöpfer ist nämlich sehr klug. Er hat sich bei jedem einzelnen Wesen etwas dabei gedacht, als er es erschaffen hat. Und für ganz bestimmte Wesen hat er ein extra Geschenk: Sie bekommen ein besonderes Aussehen und viele noch eine ganz bestimmte Gabe mit auf den Lebensweg. Deswegen bist du, Tilla, bunt und kannst fantastische Geschichten erzählen. Und du, Milan, bist auch bunt, trägst den goldenen Gürtel und stehst ganz geerdet in der Welt. Naja, und ich? Ich bin halt eine Meerjungfrau, aber eben komplett in Gestalt eines Fisches und mit uraltem Wissen gesegnet. Die Ablehnung, die wir oft erfahren, ist im Grunde nur Angst – Angst vor dem Unbekannten. Ich wünsche mir so sehr, dass wir irgendwann alle diese Angst überwinden, friedlich miteinander leben und voneinander lernen können. Nun, habe ich euch beiden weiterhelfen können?“

Eine Weile sagte keiner etwas. Dann räusperte und verneigte Milan sich vor Kunigunde. „Vielen Dank. Ich habe zwar schon lange mit meinem Aussehen Frieden geschlossen, doch jetzt weiß ich auch, warum ich so bin, wie ich bin.“

Tilla schaute Kunigunde noch etwas fragend an. „Auch ich bedanke mich bei dir, liebe weise Kunigunde. Das war wirklich sehr hilfreich, und ich verstehe jetzt viel besser, warum ich so bunt bin und so besonders. Dass es ein Geschenk ist, macht es viel leichter. Doch ich wünsche mir auch wie du, dass alle friedlich miteinander leben würden.“

Wieder war es still. Nur das Meer plätscherte sanft vor sich hin. Noch einmal wandte sich Kunigunde an die beiden: „Ich weiß nicht, was jeder von euch vorhat, doch ich hätte eine Aufgabe für euch. Wie wäre es, wenn ihr weiter durch die Welt wandern und das, was ich euch erzählt habe, weitersagen würdet? Vielleicht fiele es auf fruchtbaren Boden. Ich finde, Tilla, da du so wunderbare Geschichten erzählen kannst, wäre das eine fantastische Aufgabe für dich. Und du, Milan, deine Aufgabe wäre es, auf die etwas verpeilte Tilla aufzupassen und sie zu erden, wenn sie mal zu sehr in den Wolken schwebt. Na, was sagt ihr?“

Tilla und Milan guckten sich verwundert an. Milan nickte und antwortete: „Klingt nicht schlecht. Ich würde sagen, wir lassen es erst mal sacken und überlegen es uns. Wir können uns ja in ein paar Tagen wieder hier treffen und dir Bescheid sagen.“ Tilla nickte zustimmend, und genauso vereinbarten es die drei.

Kunigunde tauchte wieder ins Meer ab, und Tilla und Milan machten sich auf den Weg zurück zur Lichtung.


Tja,die Geschichte ist erstmal zu Ende.

Ob sie wohl weitergehen wird?

Was meint ihr?

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Tilla

 


Die Begegnung auf der Lichtung

​Auf dem Weg aus dem Dschungel trottete Tilla langsam voran. Die Tränen brannten noch auf ihren Wangen, und in ihrem Kopf drehte sich unaufhörlich das Gedankenkarussell:

​War es richtig, einfach wegzulaufen? Wie wird Mutter Asta reagieren? Ich will doch nur verstehen, warum ich so bin, wie ich bin – und warum Asta mich nicht einfach so akzeptieren kann.

​Asta hatte selbst ihre ganz eigenen, starren Regeln. „Punkt 12:30 Uhr – gleich zupft Asta Lianen und richtet sie an. Wehe, Tilla ist nicht pünktlich!“, spotteten die anderen Elefanten manchmal heimlich. Tilla liebte ihre Mutter, aber dieses ständige Nicht-Genügen war einfach zu schwer geworden.

​Plötzlich knackte ein Ast, und ein dunkler Schatten trat vor sie. Erschrocken stolperte Tilla einen Schritt zurück und beinahe über eine Liane.

​„Na, hoppla, kleine Dame, was machst du denn hier?“, sagte eine tiefe Stimme zu ihr.

​Tilla blickte erschrocken auf und stotterte vor sich hin.

​„Ja, ganz ruhig, ganz ruhig“, sagte die Stimme wieder.

​Tilla guckte noch mal – und noch mal. Das glaube ich jetzt nicht, murmelte sie vor sich hin.

​„Erst einmal glaube ich, ich stelle mich mal vor: Also, ich heiße Milan und ich wohne eigentlich hier auf dieser Lichtung. Du bist nämlich schon auf einer Lichtung gelandet. Guck doch mal vor dich hin! Wer bist du denn eigentlich?“

​„Ich bin die Tilla ... bin ich. Ich heiße Tilla“, murmelte Tilla, immer noch ganz verwirrt.

​„Aha, du bist also Tilla. Ja, und was führt dich in diese schöne Gegend?“

​„Ich bin weggelaufen.“

​„So, so.“ Milan schmunzelte ein wenig. „Weggelaufen bist du also. Na ja, dann komm erst mal mit mir mit.“

​Die beiden gingen eine Weile stumm nebeneinander her. Tilla musterte Milan immer wieder verstohlen. Das gibt's doch gar nicht, dachte sie bei sich. Der ist ja genauso bunt wie ich! Zwar nicht ganz so, aber er sieht mir ja fast ähnlich.

​Und tatsächlich: Milan sah ein bisschen so aus wie sie. Nicht ganz so bunt, aber doch auch nicht so, wie man sich normalerweise einen Hirsch vorstellt. Er hatte verschiedene braune, goldene und orange Streifen und wirkte damit sehr majestätisch und hübsch.

​Irgendwann blieb Milan stehen. „So, hier wären wir erst einmal.“

​Tilla blickte sich verwundert um. Das sah hier ganz anders aus als in ihrer Heimat. Es war zwar immer noch ein Wald, aber nicht so hoch und verworren wie der Dschungel, aus dem sie kam. Es waren mehr kleine, knochige Bäume, an denen zarte, bunte Blütenranken emporwuchsen. In der Mitte lag eine ganz hübsche Lichtung, über die ein sanfter, warmer Goldschimmer lag. Tilla meinte sogar, von Ferne schon das Meeresrauschen zu hören.

​Na ja, ich warte einfach mal ab, sagte sich Tilla.

​„So“, meinte Milan, während sein Fell im warmen Licht und zwischen den Blüten zart golden schimmerte, „jetzt möchte ich aber zu gerne deine Geschichte hören. Warum bist du weggelaufen? Ich kann es mir zwar schon ungefähr denken, aber ich würde es gerne von dir hören.“

​Tilla atmete tief durch. „Ja, also das ist so: Ich bin kein normaler Elefant. Ich bin anders als die anderen. Und die anderen Elefanten ... ja, ich weiß nicht, ob die mich so richtig mögen. Ich erzähle ja immer Geschichten und ...“

​„Moment, Moment“, unterbrach Milan sanft. „Das hört sich alles noch sehr verworren an. Fang bitte noch mal ganz von vorne an. Ich verstehe ja gar kein Wort.“

​„Also noch mal: Ich heiße Tilla und ich bin ein Elefant. Aber eigentlich bin ich auch kein richtiger Elefant, weil ich bunt bin und Elefanten nun mal grau sind. Und meine Mama, die Asta, findet das gar nicht gut. Ich weiß zwar auch nicht, warum sie das nicht gut findet, aber sie mag mich einfach nicht so, wie ich bin. Und ja ... dann erzähle ich eben auch zu gerne Geschichten. Die anderen Elefanten mögen das eigentlich, aber Asta mag das gar nicht und schimpft immer mit mir. Und außerdem bin ich auch ziemlich empfindlich. Ich reagiere immer ganz schnell auf alles Mögliche und fange dann an zu weinen ... ach, ich weiß auch nicht. Mir ist das gerade alles zu viel. Deswegen bin ich weggelaufen. Ich will einfach herausfinden, wer ich eigentlich bin. Und dazu möchte ich ans Meer. Am Meer sollen nämlich die weisen Meerjungfrauen leben – da will ich auf jeden Fall hin!“

​Milan guckte erst mal ziemlich verdutzt vor sich hin. Dann fing er an zu schmunzeln.

​„Ja, so was in der Art habe ich mir fast gedacht. Denn guck mich doch mal an! Sehe ich aus wie ein normaler Hirsch? Überhaupt nicht. Schau dir meine Streifen an – braun, orange und dazu dieser schicke gelbe Streifen. Ich sage ja immer, ich trage den goldenen Gürtel. Das hört sich gut an und gibt mir irgendwie so einen majestätischen Touch.“

​Milan grinste kurz, wirkte dabei aber ganz und gar nicht überheblich, sondern einfach nur versöhnt mit sich selbst.

​„Weißt du, Tilla, mir macht das schon lange nichts mehr aus, dass ich anders bin. Aber wie ich das geschafft habe? Um ehrlich zu sein... ich weiß es selbst nicht mehr so genau. Es war ein langer Weg. Aber deine Frage ist verdammt gut. Warum sind wir eigentlich so? Keine Ahnung. Aber die weisen Meerjungfrauen, die wissen das vielleicht! Einen Versuch ist es wert, sie zu fragen. Und weißt du was? Ich begleite dich. Das Meer ist gar nicht mehr so weit weg, das schaffen wir locker an einem Tag. Aber jetzt wird es bald dunkel, und im Dunkeln rumzulaufen hat keinen Zweck. Wer weiß, ob die Meerjungfrauen nicht längst schlafen. Wir bleiben jetzt erst mal hier, machen uns einen gemütlichen Abend, und morgen früh wandern wir gemeinsam los.“

​Und während sich die Dunkelheit sanft über die lichtdurchflutete Blütenoase legte, wusste Tilla zum ersten Mal seit Langem, dass sie nicht mehr allein war. 


Treffen Tilla und Milan auf die Meerjungfrauen.Oder kommt es vielleicht ganz anders?????

Seid gespannt auf Teil 3.