Die Begegnung auf der Lichtung
Auf dem Weg aus dem Dschungel trottete Tilla langsam voran. Die Tränen brannten noch auf ihren Wangen, und in ihrem Kopf drehte sich unaufhörlich das Gedankenkarussell:
War es richtig, einfach wegzulaufen? Wie wird Mutter Asta reagieren? Ich will doch nur verstehen, warum ich so bin, wie ich bin – und warum Asta mich nicht einfach so akzeptieren kann.
Asta hatte selbst ihre ganz eigenen, starren Regeln. „Punkt 12:30 Uhr – gleich zupft Asta Lianen und richtet sie an. Wehe, Tilla ist nicht pünktlich!“, spotteten die anderen Elefanten manchmal heimlich. Tilla liebte ihre Mutter, aber dieses ständige Nicht-Genügen war einfach zu schwer geworden.
Plötzlich knackte ein Ast, und ein dunkler Schatten trat vor sie. Erschrocken stolperte Tilla einen Schritt zurück und beinahe über eine Liane.
„Na, hoppla, kleine Dame, was machst du denn hier?“, sagte eine tiefe Stimme zu ihr.
Tilla blickte erschrocken auf und stotterte vor sich hin.
„Ja, ganz ruhig, ganz ruhig“, sagte die Stimme wieder.
Tilla guckte noch mal – und noch mal. Das glaube ich jetzt nicht, murmelte sie vor sich hin.
„Erst einmal glaube ich, ich stelle mich mal vor: Also, ich heiße Milan und ich wohne eigentlich hier auf dieser Lichtung. Du bist nämlich schon auf einer Lichtung gelandet. Guck doch mal vor dich hin! Wer bist du denn eigentlich?“
„Ich bin die Tilla ... bin ich. Ich heiße Tilla“, murmelte Tilla, immer noch ganz verwirrt.
„Aha, du bist also Tilla. Ja, und was führt dich in diese schöne Gegend?“
„Ich bin weggelaufen.“
„So, so.“ Milan schmunzelte ein wenig. „Weggelaufen bist du also. Na ja, dann komm erst mal mit mir mit.“
Die beiden gingen eine Weile stumm nebeneinander her. Tilla musterte Milan immer wieder verstohlen. Das gibt's doch gar nicht, dachte sie bei sich. Der ist ja genauso bunt wie ich! Zwar nicht ganz so, aber er sieht mir ja fast ähnlich.
Und tatsächlich: Milan sah ein bisschen so aus wie sie. Nicht ganz so bunt, aber doch auch nicht so, wie man sich normalerweise einen Hirsch vorstellt. Er hatte verschiedene braune, goldene und orange Streifen und wirkte damit sehr majestätisch und hübsch.
Irgendwann blieb Milan stehen. „So, hier wären wir erst einmal.“
Tilla blickte sich verwundert um. Das sah hier ganz anders aus als in ihrer Heimat. Es war zwar immer noch ein Wald, aber nicht so hoch und verworren wie der Dschungel, aus dem sie kam. Es waren mehr kleine, knochige Bäume, an denen zarte, bunte Blütenranken emporwuchsen. In der Mitte lag eine ganz hübsche Lichtung, über die ein sanfter, warmer Goldschimmer lag. Tilla meinte sogar, von Ferne schon das Meeresrauschen zu hören.
Na ja, ich warte einfach mal ab, sagte sich Tilla.
„So“, meinte Milan, während sein Fell im warmen Licht und zwischen den Blüten zart golden schimmerte, „jetzt möchte ich aber zu gerne deine Geschichte hören. Warum bist du weggelaufen? Ich kann es mir zwar schon ungefähr denken, aber ich würde es gerne von dir hören.“
Tilla atmete tief durch. „Ja, also das ist so: Ich bin kein normaler Elefant. Ich bin anders als die anderen. Und die anderen Elefanten ... ja, ich weiß nicht, ob die mich so richtig mögen. Ich erzähle ja immer Geschichten und ...“
„Moment, Moment“, unterbrach Milan sanft. „Das hört sich alles noch sehr verworren an. Fang bitte noch mal ganz von vorne an. Ich verstehe ja gar kein Wort.“
„Also noch mal: Ich heiße Tilla und ich bin ein Elefant. Aber eigentlich bin ich auch kein richtiger Elefant, weil ich bunt bin und Elefanten nun mal grau sind. Und meine Mama, die Asta, findet das gar nicht gut. Ich weiß zwar auch nicht, warum sie das nicht gut findet, aber sie mag mich einfach nicht so, wie ich bin. Und ja ... dann erzähle ich eben auch zu gerne Geschichten. Die anderen Elefanten mögen das eigentlich, aber Asta mag das gar nicht und schimpft immer mit mir. Und außerdem bin ich auch ziemlich empfindlich. Ich reagiere immer ganz schnell auf alles Mögliche und fange dann an zu weinen ... ach, ich weiß auch nicht. Mir ist das gerade alles zu viel. Deswegen bin ich weggelaufen. Ich will einfach herausfinden, wer ich eigentlich bin. Und dazu möchte ich ans Meer. Am Meer sollen nämlich die weisen Meerjungfrauen leben – da will ich auf jeden Fall hin!“
Milan guckte erst mal ziemlich verdutzt vor sich hin. Dann fing er an zu schmunzeln.
„Ja, so was in der Art habe ich mir fast gedacht. Denn guck mich doch mal an! Sehe ich aus wie ein normaler Hirsch? Überhaupt nicht. Schau dir meine Streifen an – braun, orange und dazu dieser schicke gelbe Streifen. Ich sage ja immer, ich trage den goldenen Gürtel. Das hört sich gut an und gibt mir irgendwie so einen majestätischen Touch.“
Milan grinste kurz, wirkte dabei aber ganz und gar nicht überheblich, sondern einfach nur versöhnt mit sich selbst.
„Weißt du, Tilla, mir macht das schon lange nichts mehr aus, dass ich anders bin. Aber wie ich das geschafft habe? Um ehrlich zu sein... ich weiß es selbst nicht mehr so genau. Es war ein langer Weg. Aber deine Frage ist verdammt gut. Warum sind wir eigentlich so? Keine Ahnung. Aber die weisen Meerjungfrauen, die wissen das vielleicht! Einen Versuch ist es wert, sie zu fragen. Und weißt du was? Ich begleite dich. Das Meer ist gar nicht mehr so weit weg, das schaffen wir locker an einem Tag. Aber jetzt wird es bald dunkel, und im Dunkeln rumzulaufen hat keinen Zweck. Wer weiß, ob die Meerjungfrauen nicht längst schlafen. Wir bleiben jetzt erst mal hier, machen uns einen gemütlichen Abend, und morgen früh wandern wir gemeinsam los.“
Und während sich die Dunkelheit sanft über die lichtdurchflutete Blütenoase legte, wusste Tilla zum ersten Mal seit Langem, dass sie nicht mehr allein war.
Treffen Tilla und Milan auf die Meerjungfrauen.Oder kommt es vielleicht ganz anders?????
Seid gespannt auf Teil 3.
















